Vielleicht erinnern Sie sich an den Moment, als Sie Fahrradfahren lernten, nicht aus einem Buch, sondern durch mutiges Ausprobieren. Oder an die unzähligen Fähigkeiten, die Sie sich im Beruf oder bei der Organisation einer Familienfeier angeeignet haben. Ein Großteil dessen, was uns im Leben wirklich voranbringt, geschieht abseits von Klassenzimmern und Hörsälen. Es ist das informelle Lernen – ein unsichtbarer Motor unserer persönlichen und beruflichen Entwicklung, dessen immense Bedeutung wir nun zunehmend erkennen und wertschätzen.
Was ist informelles Lernen und warum ist es so entscheidend?
Informelles Lernen unterscheidet sich fundamental von formalen Bildungswegen wie Schule oder Studium und auch von non-formalen Angeboten wie strukturierten Weiterbildungskursen. Es ist ein selbstgesteuerter, erfahrungsbasierter Lernprozess, der unbewusst oder beiläufig im Alltag stattfindet – ohne festgelegten Lehrplan, ohne Lehrende und meist ohne formelles Zertifikat. Es ist das Lernen „nebenbei“, das durch Herausforderungen, Interessen, Interaktionen und Beobachtungen ausgelöst wird. Man könnte es als den größten Teil eines Eisbergs betrachten, wobei die formalen Qualifikationen nur die sichtbare Spitze darstellen.
Die wahre Kraft des informellen Lernens liegt in seiner Fähigkeit, uns auf die dynamischen Anforderungen des Lebens vorzubereiten. Während formale Bildung oft auf spezifisches Fachwissen abzielt, fördert informelles Lernen entscheidende Querschnittskompetenzen: Problemlösungsfähigkeit, kritisches Denken, Kreativität, Anpassungsfähigkeit und Resilienz. Wer sich im Sport durchbeißt, im Ehrenamt Konflikte managt oder bei der Renovierung eines Hauses neue Handwerkstechniken lernt, erwirbt nicht nur spezifische Fertigkeiten, sondern auch mentale Stärke und strategisches Denken. Diese Kompetenzen sind in einer sich rasant wandelnden Arbeitswelt und Gesellschaft unverzichtbar und bilden die Basis für lebenslanges Lernen.
Informelles Lernen in Deutschland: Von der Übersehung zur Anerkennung
Lange Zeit schien dieser immense Schatz in Deutschland übersehen zu werden. Während Schätzungen zufolge 70 bis 90 Prozent des Lernens Erwachsener außerhalb formaler Bildungseinrichtungen stattfindet, erhielt das informelle Lernen hierzulande nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient hätte. Das lag unter anderem an einem Bildungssystem, das traditionell stark auf formale Abschlüsse und Zeugnisse ausgerichtet war. Was nicht zertifiziert war, schien weniger wert zu sein – eine Haltung, die viele wertvolle Kompetenzen im Verborgenen ließ und Lernende in ihren Entwicklungsmöglichkeiten einschränkte.
Doch das ändert sich! In den letzten Jahren rückt die Anerkennung und Zertifizierung dieser vielfältigen Lernleistungen zunehmend in den Fokus. Der Wandel der Arbeitswelt durch Digitalisierung, Globalisierung und demografischen Wandel hat den Bedarf an kontinuierlicher Weiterentwicklung und flexiblen Kompetenzen drastisch erhöht. Unternehmen suchen zunehmend nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die schnell lernen, sich anpassen und über umfassende „Soft Skills“ verfügen – Fähigkeiten, die oft primär informell erworben werden. Auch die Politik hat die Bedeutung erkannt: So hebt die Bundesregierung im 12. Kinder- und Jugendbericht die Bedeutung 'informeller Bildungsprozesse' hervor und betont die fließenden Übergänge zwischen verschiedenen Lernformen. Dieses Bewusstsein ist ein wegweisender Schritt, um das gesamte Potenzial menschlichen Lernens wertzuschätzen.
Konkrete Wege zur Sichtbarmachung informeller Kompetenzen
Um dieses „verborgene Wissen“ sichtbar und damit nutzbar zu machen, entstehen verschiedene Ansätze. Instrumente wie Weiterbildungspässe sind erste, wegweisende Schritte, um informell erworbene Kompetenzen systematisch zu erfassen und zu dokumentieren. Solche Pässe bieten Lernenden die Möglichkeit, außerhalb formaler Qualifikationen erworbene Kenntnisse und Fertigkeiten nachzuweisen – sei es im Ehrenamt, im Sport, bei kreativen Tätigkeiten oder durch Auslandserfahrungen. Darüber hinaus gewinnen Verfahren wie Kompetenzbilanzen oder die Arbeit mit Lerntagebüchern und Portfolios an Bedeutung. Sie ermöglichen es Individuen, ihre Lernerfahrungen zu reflektieren, zu strukturieren und ihre informell erworbenen Kompetenzen bewusst zu benennen. Diese Ansätze stärken nicht nur das Selbstvertrauen der Lernenden, sondern erleichtern auch die Kommunikation dieser Fähigkeiten in Bewerbungsprozessen oder bei der Karriereentwicklung.
Die Vielfalt informeller Lernräume und -methoden
Die wahre Schönheit des informellen Lernens zeigt sich in seiner Allgegenwärtigkeit. Unsere Lebens- und Arbeitswelten sind zu flexiblen Lernumgebungen geworden. Denken Sie an Bürgerinitiativen: Menschen kommen zusammen, um sich für den Erhalt des Regenwaldes einzusetzen oder lokale Projekte voranzutreiben. Dabei erwerben sie nicht nur politisches Geschick und Verhandlungsstrategien, sondern auch Fertigkeiten in Kommunikation, Organisation, Konfliktlösung und Projektmanagement – oft ohne es als 'Lernen' zu bezeichnen. Diese Erfahrungen sind oft intensiver und prägender als so manches Seminar, da sie unmittelbar mit realen Herausforderungen verbunden sind.
Auch außerhalb des organisierten Ehrenamts sind die Gelegenheiten zum informellen Lernen grenzenlos. Jeder von uns ist täglich Lernenden – sei es durch die Nutzung neuer Technologien, das Lösen unerwarteter Probleme im Haushalt oder die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven im persönlichen Austausch. Die Selbstaneignung von Wissen durch Online-Tutorials, das Erlernen eines Instruments aus Leidenschaft oder die Entwicklung von Führungsqualitäten im Rahmen der Kindererziehung sind allesamt Beispiele für die immense Bandbreite informeller Bildungsprozesse, die unsere Persönlichkeit und unsere Fähigkeiten unaufhörlich formen und erweitern. Vom Sport über Musik bis hin zum Engagement in den Medien und am Arbeitsplatz: Unsere Lebens- und Arbeitswelten sind zu flexiblen Lernumgebungen geworden.
- Engagement in Vereinen und Initiativen: Erwerb von Teamfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Organisationstalent und interkultureller Kompetenz.
- Hobbys und kreative Tätigkeiten: Förderung von Ausdauer, Präzision, Problemlösung und ästhetischem Empfinden (z.B. beim Malen, Gärtnern oder Programmieren).
- Reisen und kultureller Austausch: Entwicklung von Anpassungsfähigkeit, Fremdsprachenkenntnissen, interkultureller Sensibilität und Selbstständigkeit.
- Mentoring und Peer-Learning: Lernen durch den Austausch mit erfahreneren Personen oder Gleichgesinnten, Erwerb von sozialen Kompetenzen und fachlichem Wissen.
- Online-Kurse und Tutorials (selbstgesteuert): Aneignung von digitalen Fertigkeiten, spezialisiertem Fachwissen und Medienkompetenz.
- Berufliche Herausforderungen und Projekte: Praktische Anwendung von Theorien, Entwicklung von Führungsfähigkeiten, Zeitmanagement und strategischem Denken.
Wie Sie Ihre informellen Lernschätze heben und nutzen können
Die größte Herausforderung und zugleich die größte Chance besteht darin, die eigenen informellen Lernleistungen bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen. Beginnen Sie mit einer Reflexion: Welche schwierigen Situationen haben Sie gemeistert? Welche neuen Interessen haben Sie entwickelt? Welche Fähigkeiten haben Sie sich selbst beigebracht, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Notieren Sie sich diese Momente und die dabei erworbenen Kompetenzen. Fragen Sie sich: Was kann ich heute, was ich vor einem Jahr noch nicht konnte, und wie habe ich es gelernt?
Eine bewusste Dokumentation, sei es in einem persönlichen Portfolio, einem digitalen Ordner oder einfach durch die Sammlung von Arbeitsproben oder Referenzen, kann dabei helfen, diese Schätze sichtbar zu machen. Beim nächsten Bewerbungsgespräch oder bei der nächsten Gehaltsverhandlung können Sie dann nicht nur Ihre formalen Qualifikationen nennen, sondern auch überzeugende Beispiele für Ihre Problemlösungskompetenz, Ihre Kommunikationsfähigkeiten oder Ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation liefern, die Sie in ganz unterschiedlichen Kontexten erworben haben. Lernen Sie, Ihre Erfahrungen in eine überzeugende Erzählung zu verpacken – denn jede gemeisterte Herausforderung ist eine Geschichte von Wachstum.
Fazit: Ihr lebenslanger Lernweg – eine Quelle ungenutzter Potenziale
Ihre Neugier, Ihr Engagement, Ihre unkonventionellen Lösungsansätze – all das ist wertvolles Wissen. Das Erkennen und Wertschätzen des informellen Lernens ist ein kraftvolles Signal an jeden Einzelnen, die eigene Lernbiografie ganzheitlich zu betrachten und das gesamte Spektrum der erworbenen Kompetenzen anzuerkennen. Nehmen Sie die Einladung an, Ihre eigenen Lernwege bewusst wahrzunehmen und zu gestalten. Denn Bildung wirkt – und sie wirkt überall, ein Leben lang. Nutzen Sie die unendlichen Potenziale, die in Ihren Alltagserfahrungen schlummern, um Ihre Zukunft aktiv und selbstbestimmt zu gestalten.




